NATURWISSENSCHAFTLICHER UNTERRICHT IM KONTEXT
ALLGEMEINER BILDUNG
Arbeitsgemeinschaft "Allgemeinbildung" im
Landesverband Bremen des Deutschen Vereins zur
Förderung des mathematischen und
naturwissenschaftlichen Unterrichts (MNU)
verfaßt von:
Horst Schecker, Thomas Bethge, Elmar Breuer,
Rolf von Dwingelo-Lütten, Burkhard Langensiepen,
Hans-Udo Graf (VdBiol), Ilka Gropengießer
(VdBiol)
Übersicht:
I. Problemhintergrund
Der Unterricht in den naturwissenschaftlichen
Fächern Physik, Chemie und Biologie sieht sich einer -
wenn auch je nach Fach unterschiedlich ausgeprägten -
krisenhaften Entwicklung ausgesetzt. Die Krise
manifestiert sich in mindestens drei Aspekten als
- Akzeptanz-Krise auf Seiten der Schülerinnen und
Schüler, die Naturwissenschaften, speziell Physik
und Chemie, als "schwierig" und "unattraktiv" bezeichnen
und in der Oberstufe möglichst abwählen;
- Inhalts- und Methodenkrise: Nach Meinung vieler
Lehrer und Fachdidaktiker sind die Inhalte zu abstrakt,
theoretisch und von Alltagsbezügen entfernt; die
Wirkungen des Unterrichts beim Aufbau einer zur Teilnahme
an gesellschaftlichen Entscheidungen befähigenden
naturwissenschaftlich-technischen Bildung sind
unbefriedigend; und als
- äußere Krise durch bildungspolitische
Entscheidungen zu Lasten der naturwissenschaftlichen
Fächer, durch die in den letzten 20 Jahren der
Stellenwert der Fächer in der Stundentafel zunehmend
verschlechtert wurde.
Die drei Faktoren sind aufeinander bezogen. Die beiden
ersten Faktoren erleichtern es der Bildungspolitik, weiter
bei den naturwissenschaftlichen Fächern zu "sparen".
Die durch empirische fachdidaktische Forschung belegte
begrenzte Wirksamkeit des Unterrichts beim Aufbau
naturwissenschaftlichen Wissens wird auch deshalb
wahrgenommen, weil andere Fächer weniger kritisch mit
ihren Wirkungen umgehen.
Während die Fremdsprachen sich im Rahmen des
internationalen Zusammenwachsens im Aufwind befinden - die
KMK hat sich erst 1994 dafür ausgesprochen, Zwei- und
Mehrsprachigkeit in allen Schularten der Sekundarstufe I zum
durchgehenden Prinzip zu machen - finden die Appelle
für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen der
Naturwissenschaften wenig Gehör. Bereits 1982 gingen 5
Fachverbände mit dem Aufruf "Rettet die
naturwissenschaftliche Bildung" an die Öffentlichkeit -
MNU, Deutsche Physikalische Gesellschaft, Verband deutscher
Biologen, Gesellschaft Deutscher Chemiker und Deutsche
Mathematiker-Vereinigung. Unter Einschluß der
Gesellschaft für Informatik und der Gesellschaft
für Didaktik der Chemie und Physik wurde 1993 die
"(Berliner) Initiative zur Verbesserung der
Rahmenbedingungen des mathematisch-naturwissenschaftlichen
Unterrichts" formuliert. Die Kernforderungen lauten:
- durchgehender Unterricht in allen drei Fächern
in der Sekundarstufe I,
- Belegungsverpflichtung für zwei
durchgängige Naturwissenschaften in der gymnasialen
Oberstufe.
Konkrete Erfolge dieser Aufrufe hinsichtlich einer
Erfüllung der Forderungen haben sich nicht eingestellt.
Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat vielmehr 1995 einen
Beschluß zur Reform der
gymnasialen Oberstufe getroffen, der zwar für
Mathematik, Deutsch und eine fortgesetzte Fremdsprache die
durchgehende Belegungsverpflichtung vorsieht, jedoch keine
Naturwissenschaft über die bestehenden Regelungen im
mathematisch-naturwissenschaftlichen Aufgabenfeld hinaus in
den Kreis der Kernfächer einbezieht. In der
Sekundarstufe I bleibt der Unterricht lückenhaft.
Bundesweit laufen Bestrebungen, die Fächer Physik,
Chemie und Biologie zu einem integrierten Fach
"Naturwissenschaft" zusammenzufassen. Selbst für die
gymnasiale Oberstufe wird eine Zusammenlegung der
Fächer angedacht.
Das Ansehen und die Wahrnehmung der Bedeutung des
naturwissenschaftlichen Unterrichts hängt in der
bildungspolitischen Diskussion sicherlich zum einen vom
Ansehen und der Wahrnehmung der Bedeutung von
Naturwissenschaft und Technik in Politik und Gesellschaft
ab. Wenn jedoch trotz eines Konsenses über den
wesentlichen Beitrag von Naturwissenschaft und Technik zur
Sicherung des "Wirtschaftsstandorts Deutschland" die
Anliegen des naturwissenschaftlichen Unterrichts aktuell so
wenig Gehör finden, ist nach weitergehenden Ursachen zu
suchen.
Ein Aspekt der Legitimationskrise liegt gerade darin
begründet, daß die Fachverbände als
Sachwalter des naturwissenschaftlichen Unterrichts dessen
Legitimation zu sehr aus dem Gebrauchswert der zu
vermittelnden Kenntnisse und Fähigkeiten ableiten,
statt sich mit dem Begriff der naturwissenschaftlichen
Bildung auseinanderzusetzen. LAUTERBACH sieht die
Erfüllung des "Bildungsauftrags" der
Naturwissenschaften nicht etwa deshalb in Frage gestellt,
weil ihm ungenügend Bildungszeit zur Verfügung
stünde oder die Lehrpläne überfrachtet seien,
sondern weil ...
"... die Bildungsfrage nicht im Blick ist, solange es
auszureichen scheint, auf die praktische Anwendbarkeit und
Verwertbarkeit der Resultate der Naturwissenschaft zu
verweisen, um als Fach im Stundenplan zu verbleiben."
(LAUTERBACH 1994, 84)
Die scheinbare Evidenz der Notwendigkeit
naturwissenschaftlicher Kenntnisse hat zu einer mangelnden
Beteiligung an der seit einigen Jahren neu belebten Debatte
um den Begriff der "Allgemeinbildung" und die dazu
gruppierten Stichworte "Studierfähigkeit" und
"Wissenschaftspropädeutik" geführt. Dies erweist
sich zunehmend als Fehler. Die Fachverbände engagieren
sich zwar in der schulpolitischen Debatte,
vernachlässigen aber ausgehend von einer stark
fachbezogenen Sichtweise die erziehungswissenschaftliche
Diskussion um Schule und sind in ihr nicht genügend
präsent. Bezeichnend ist, daß der
Expertenkommission, die den jüngsten Beschluß der
KMK vorbereitet hat, kein Naturwissenschaftsdidaktiker
angehörte. Auch bei den Anhörungen oder den
eingeholten Expertisen waren die Fachdidaktik der Physik,
Biologie oder Chemie nicht vertreten.
Es ist daher an der Zeit, die erziehungswissenschaftliche
Debatte aufzuarbeiten und die Stellung der
naturwissenschaftlichen Fächer in einer
bildungstheoretischen Sicht zu reflektieren. Der
Landesverband Bremen im Förderverein MNU hat in
Kooperation mit Bremer Vertretern des Verbands Deutscher
Biologen das folgende Grundsatzpapier zum
"Naturwissenschaftlichen Unterricht im Kontext allgemeiner
Bildung" erarbeitet. Der Schwerpunkt der Darlegungen bezieht
sich auf die gymnasiale Oberstufe. In Abschnitt II wird der
Diskussionsstand um die Allgemeine Bildung als Aufgabe der
Schule aufgearbeitet. Mit Blick auf die Oberstufe sind die
Stichworte "Studierfähigkeit",
"Wissenschaftspropädeutik" und "basale
Fähigkeiten" zu nennen (Teil III). Im vierten Teil
werden die besonderen Merkmale naturwissenschaftlicher
Bildung herausgestellt und in Teil V auf die
Allgemeinbildungsdebatte bezogen. Teil VI befaßt sich
mit dem Erwerb von grundlegenden Kompetenzen und
Schlüsselqualifikationen. Welche Folgerungen für
die Verbesserung der naturwissenschaftlichen Bildung und der
Sicherung des naturwissenschaftlichen Unterrichts zu ziehen
sind, wird in Teil VII erläutert. Die Darlegungen
erfolgen in Thesenform mit Erläuterungen.
Es handelt sich beim vorliegenden Thesenpapier um den
Versuch einer Aufarbeitung der Allgemeinbildungsdiskussion
im Hinblick auf naturwissenschaftliche Bildung und den
Unterricht in Physik, Chemie und Biologie, ohne daß
die referierten Positionen aus der Erziehungswissenschaft in
allen Punkten geteilt würden. Das Papier soll die
vorliegenden Aufrufe der Fachverbände um eine
erziehungswissenschaftliche Reflexion ergänzen und
gleichzeitig die Diskussion darüber innerhalb der
Naturwissenschaftsdidaktik anregen.
II. Die Debatte um die
Allgemeine Bildung
These 1:
Allgemeinbildung als
Persönlichkeitsentwicklung
- Allgemeinbildung ist Teil des Prozesses der
Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation der
Schülerinnen und Schüler ("Sich-bilden"). Die
Förderung dieses Prozesses ist eine Aufgabe der
allgemeinbildenden Schulen.
In dieser Sichtweise ist Allgemeinbildung kein fest
umrissener, kanonisierter Wissensbestand sondern ein
ständiger Prozeß der Entwicklung des Individuums.
Es ist Aufgabe des Schülers bzw. der Schülerin
"sich zu bilden" und die der Schule, ihn dabei zu
unterstützen und dazu zu befähigen, Verantwortung
für sich, für andere und für die Umwelt zu
übernehmen. Natürlich kann dieser Prozeß nur
anhand von Inhalten in Gang gesetzt und gehalten werden. Die
Inhalte sind dabei auf die Entwicklungsaufgaben des
Individuums zu beziehen. Sie sind nicht unabhängig
davon definierbar.
HEYMANN (1990, 22 ff.) nennt als
Aufgaben der Schule im Sinne eines so verstandenen
Allgemeinbildungsprozesses:
- Vorbereitung auf zukünftige
Lebenssituationen
- Stiftung kultureller Kohärenz
- Aufbau eines Weltbildes
- Anleitung zum kritischen Vernunftgebrauch
- Entfaltung eines verantwortlichen Umgangs mit den zu
erwerbenden Kompetenzen
- Stärkung des Schüler-Ichs.
KLAFKI (1994) wählt eine
Beschreibung auf abstrakterem Niveau, indem er Bildung sieht
als Fähigkeit zur
- Selbstbestimmung über die persönlichen
Lebensbeziehungen und Lebenssituationen,
- Mitbestimmungsfähigkeit (gesellschaftlich,
politisch, kulturell),
- Solidaritätsfähigkeit.
Auch wenn Beschreibungen allgemeiner Bildung im Sinne
KLAFKIS oder HEYMANNs wenig konkret erscheinen mögen,
sind sie als Orientierungsmaßstäbe für
konkretes pädagogisches Handeln geeignet. Es ist jedoch
nicht möglich, aus ihnen bestimmte obligatorische
Fächer, Inhalts- oder Fähigkeitsdimension zu
deduzieren (vgl. HEYMANN 1990,
25). Vielmehr ist es Aufgabe jedes Faches, seine Inhalte an
den übergeordneten Maßstäben kritisch zu
reflektieren. Der traditionell in der
Gymnasialpädagogik gemachte Versuch, Allgemeinbildung
material oder formal zu definieren, d.h. einen Katalog
einzelner obligatorischer Kenntnisse und Fähigkeiten
festzuschreiben, die dann in ihrer Summe dazu erhoben
werden, was den allgemein gebildeten Menschen ausmache, wird
von der Bildungstheorie nicht gedeckt (s. z.B.
KELL 1995, 146). Ein solcher Sachkanon-Ansatz
verdrängt zudem das Problem der Reflexion von
Bildungsinhalten durch seine Herunterstufung auf die Ebene
einer vermeintlichen curricularen Sachlogik.
Darüberhinaus scheitert der Sachkanon-Ansatz
regelmäßig in der Praxis daran, daß sich
Lehrplankommissionen kaum auf einen wirklich begrenzten
Kanon obligatorischen (Allgemein-) Wissens einigen
können. Dies führt zu den bekannten Klagen der
Lehrkräfte über "überfüllte
Lehrpläne" und "Zeitmangel, der zur
Oberflächlichkeit zwingt". Konsensfähig ist
allenfalls ein Minimalkatalog grundlegender
Fähigkeiten, der jedoch in seiner Konzentration auf
Ausschnitte einzelner Kompetenzbereiche (z.B. Muttersprache
und Mathematik, vgl. These 4) nicht
ausreicht, um allgemeine Bildung im Sinne der
Persönlichkeitsentwicklung hinreichend zu
bestimmen.
These 2:
Allgemeinbildung zur Sicherstellung gesellschaftlicher
Kontinuität
- Neben der Förderung der
Persönlichkeitsentwicklung im Hinblick auf das
Individuum ist Allgemeinbildung aus Sicht der
Gesellschaft ebenso Ausdruck des Interesses an
kultureller und gesellschaftlicher Permanenz und
Kontinuität ("jemanden bilden").
Diese Perspektive nimmt besonders TENORTH
(1994) ein. Für ihn geht die Bestimmung allgemeiner
Bildung nicht nur von der Entwicklung der Schülerin
oder des Schülers aus, sondern ebenso vom Tradierungs-
und Überlebensinteresse der Gesellschaft:
"Mit den Begriffen 'Allgemeinbildung' und 'allgemeine
Bildung' ... werden ... alle Anstrengungen einer
Gesellschaft, Kultur oder Nation zusammenfassend bezeichnet,
die sich darauf richten, durch gesellschaftliche
Institutionen in der heranwachsenden Generation diejenigen
Kenntnisse und Fähigkeiten, Einstellungen und Haltungen
zu verbreiten, deren Beherrschung historisch jeweils als
notwendig und unentbehrlich gilt." (TENORTH
1994, 7)
Diese Aussage korrespondiert mit HEYMANNs Aspekt der
"Stiftung kultureller Kohärenz" (s. These 1).
Allerdings geht der Konsens über die Bestimmung, was
das Allgemeine der allgemeinen Bildung in der
pluralistischen Gesellschaft ausmacht, immer mehr verloren.
Nach TENORTH ist es zwar unabdingbar für Gesellschaft
und Kultur, ihren eigenen Fortbestand durch Allgemeinbildung
zu sichern, es gibt jedoch dafür keinen zwingenden,
einzigen Weg ihrer inhaltlichen oder formalen Ausformung.
Was Bestand habe, sei der "Kanon" der allgemeinen Bildung.
Dieser ist allerdings nicht mit der Summe der
Lehrplaninhalte gleichzusetzen, sondern als Gefüge und
Bauprinzip der schulischen Lehrpläne zu verstehen
(vgl. TENORTH 1994, 124). In der
gymnasialen Oberstufe wird das Gefüge in den drei
Aufgabenfeldern repräsentiert: dem
sprachlich-literarisch-künstlerischen, dem
historisch-gesellschaftswissenschaftlichen und dem
mathematisch-naturwissenschaftlichen. Für die
Organisation vertiefter allgemeiner Bildung hat sich dieser
Kanon der Aufgabenbereiche bewährt. In konkreter
fachbezogener Auslegung erkennt man das
Strukturierungsprinzip auch in der Sekundarstufe I. Ein so
definierter Kanon von Lernbereichen ist einerseits offen
für die Aufnahme neuer Fächer bzw. fachlicher
Perspektiven, andererseits hat er sich rückblickend als
relativ stabil erwiesen.
These 3:
Sinnfragen als Anteile eines bildenden
Unterrichts
- Ein Unterricht, der sich im wesentlichen
darüber definiert, welche Kenntnisse und
Fähigkeiten er vermittelt, wird nicht als "bildend"
anerkannt. Zu den Kenntnissen und Fertigkeiten
müssen Sinnfragen und Aspekte des Lebensbezuges als
konstitutive und explizite Anteile des Fachunterrichts
treten.
Der Unterricht darf sich nicht darauf beschränken,
deklaratives Wissen und prozedurales Wissen zu vermitteln -
also ein Wissen um bestimmte Fakten und Vorgehensweisen bei
der Lösung von Aufgabenstellungen - sondern er
muß die Bedeutung der bearbeiteten Themenstellungen
für das eigene Lebensumfeld oder auch wirtschaftliche
und politische Prozesse mit zum Unterrichtsgegenstand
machen. Wissen an sich, und sei es wissenschaftlich
begründet, ist nicht aus sich heraus bildend (vgl.
SCHILMÖLLER 1995). Die
Teilnahme an Wissenschaft ermöglicht Bildung, bringt
sie aber nicht zwingend mit sich. Sachwissen erweist sich
erst dann als bildend, wenn es in einen persönlichen
bzw. gesellschaftlichen Kontext gestellt wird.
Für die Methode der Unterweisung stellt BENNER
ein System "bildender Interpretation neuzeitlicher
Wissenschaft" auf, das neben der fachwissenschaftlichen
Unterweisung auch Raum für erkenntnistheoretische,
wissenschaftsgeschichtliche und praxisphilosophische Ebene
einfordert.
"Dagegen ist als erste Forderung einer erziehenden und
bildenden Aneignung und Vermittlung neuzeitlicher
Wissenschaft diejenige aufzustellen, daß die
Satzsysteme der einzelnen Wissenschaften nur zusammen mit
erkenntnistheoretischen, wissenschaftsgeschichtlichen und
praxisphilosophischen Fragestellungen in einem bildenden
Sinne erlernt werden können. Wissenschaftlicher
Unterricht erfordert, um bildend in einem aufklärenden
Sinne wirken zu können, daß die
wissenschaftlichen Aussagesysteme unter
Berücksichtigung ihrer historisch-gesellschaftlichen
Entstehungs- und Anwendungshorizonte gelehrt und gelernt
werden." (BENNER 1990,
609)
Um sich der Rolle der Wissenschaft im Alltag bewußt zu
werden und die fachlichen Denkweisen zu problematisieren ist
es notwendig, den Unterricht stärker
fachübergreifend und fächerverbindend zu gestalten
(vgl. KMK 1995a, 166). Damit ist
nicht ein integrierter Unterricht gemeint, etwa ein Fach
"Naturwissenschaft", sondern differenzierte Formen der
Überschreitung von Fachlichkeit aus dem Fachunterricht
heraus oder der Verbindung von Fachlichkeiten im
fächerkoordinierten Unterricht (s. z.B.
HUBER 1995, 167f.).
1. Fazit:
Allgemeinbildung und die Legitimation der
Naturwissenschaften
- Die naturwissenschaftlichen Fächer
müssen sich den übergeordneten Zielen
allgemeiner Bildung stellen, statt ihre Legitimation
allein aus ihren fachlichen Inhalten ableiten zu wollen.
Aus der erziehungswissenschaftlichen Debatte um die
Allgemeinbildung lassen sich keine unmittelbaren
Schlüsse auf die den Stellenwert einzelner
schulischer Fächer oder einzelner Inhaltsbereiche
ableiten. Wohl aber läßt sich festhalten,
daß Naturwissenschaften zum unabdingbaren Kanon
zählen.
Nachdem Allgemeinbildung in unserer pluralistischen
Gesellschaft nicht mehr material oder formal zu definieren
ist, fallen die Antworten auf die Frage "Was ist
Allgemeinbildung?" weniger griffig aus als im
bürgerlich-aufklärerischen Sinne des 19.
Jahrhunderts. Auch bei TENORTH,
der in einer historischen Perspektive eine weitgehende
Kontinuität des Kanons der Allgemeinbildung feststellt,
gilt das lediglich für die "Bauprinzipien der
Lernbereiche", zu denen der
"mathematisch-naturwissenschaftliche" konstitutiv
zählt. Stellung und Inhalte einzelner Fächer in
den Lernbereichen lassen sich daraus jedoch nicht
ableiten.
Ebensowenig eignen sich abstraktere Beschreibungen der
Merkmale allgemeiner Bildung (s. These I) für
Deduktionsansätze. HEYMANN
(1990, 25) schreibt:
"Definitive Aussagen über die Berechtigung eines
gegebenen Schulfaches lassen sich ebensowenig daraus
ableiten wie konkrete curriculare Vorschläge (...).
Seine gedachte Funktion ist die eines pädagogischen
Maßstabs: Bezogen auf vorliegende curriculare
Entwürfe (im weitesten Sinn) sollten mit Hilfe des
Kriteriums "Allgemeinbildung" ... begründete Wertungen
abgegeben werden können, die für eine rationale
Diskussion über Inhalte und Formen schulische
Orientierungen erlauben."
Das bedeutet, daß erst nach Vorliegen curricularer
Entwürfe diese auf ihren Beitrag zur Allgemeinbildung
hin diskutiert werden können. KLAFKI hingegen leitet
aus seiner Bildungstheorie als didaktische Konsequenz eine
Konzentration des Unterrichts auf "epochaltypische
Schlüsselprobleme" (KLAFKI
1994, 56ff.) ab: z.B. die Umweltproblematik oder die
Auswirkungen der Informationstechnik. TENORTH kritisiert die
KLAFKIschen Schlüsselprobleme zu Recht dahingehend,
daß sie keinen Kanon im pädagogischen Sinne
darstellten, allenfalls Themen, die einer Transformation in
Lernanlässe erst noch bedürften (s. TENORTH
1994, 175).
Der Schlüssel zur (Wieder-) Einbringung der
Naturwissenschaften in die erziehungswissenschaftliche
Debatte liegt daher nicht in Deduktionsversuchen aus
vermeintlichen gesellschaftlich-ökonomischen
Notwendigkeiten oder postulierten materialen
Kernbeständen von Bildung, sondern im konkreten
Nachweis ihrer Beiträge
- zum Prozeß der Förderung der
Selbstentwicklung der Schülerinnen und Schüler
(These 1),
- zur Sicherung kultureller Kohärenz (These
2) und
- zum bildenden Erwerb von Kenntnissen und
Fähigkeiten in sinnstiftenden Kontexten (These
3).
Dazu sind die spezifischen Merkmale
naturwissenschaftlicher Bildung auszuformulien und im
zweiten Schritt auf die allgemeine Bildung zu beziehen.
Bevor dies unter Punkt IV geschieht, wird
im folgenden der Allgemeinbildungsauftrag der Oberstufe
untersucht.
III. Allgemeine Bildung in
der gymnasialen Oberstufe
These 4:
Vertiefte allgemeine Bildung und
Studierfähigkeit
- Aufbauend auf der grundlegenden allgemeinen
Bildung der Mittelstufe besteht die Aufgabe der
gymnasialen Oberstufe in der Vermittlung vertiefter
allgemeiner Bildung. Studierfähigkeit ist eine
ergänzende und davon zu trennende Leitlinie.
Merkmale vertiefter allgemeiner Bildung sind
Methodenkenntnisse, die sich aus der
wissenschaftspropädeutischen Orientierung ergeben, eine
reflektierte fachliche Spezialisierung und die
Fähigkeit zur Transzendenz fachlicher Perspektiven. Die
übergeordnete Aufgabe der gymnasialen Oberstufe, eine
vertiefte Allgemeinbildung zu vermitteln, darf nicht
verwechselt oder gleichgesetzt werden mit der Sicherung von
Studierfähigkeit (s. HUBER
1994a). Die Debatte um die Weiterentwicklung der
gymnasialen Oberstufe wird häufig dahingend
verkürzt, daß es dem Gymnasium nicht gelinge,
seine Absolventen auf ein Studium vorzubereiten.
"Zweierlei Aussagen werden in der Debatte ständig
vermischt. Man spricht von Mangel an "Bildung" und "Reife"
der Studenten; und man spricht von ungenügender
"Studierfähigkeit". (...) Reife und Bildung sind nicht
nur durch Wissen und Können bestimmt, sondern auch
durch Haltungen, Umgangsformen, Interessen und vieles mehr,
was unsere Bildungsüberlieferung mit diesen Begriffen
verbindet. Für die Studierfähigkeit sind bestimmte
Kenntnisse, Arbeitsweisen, Dimensionen des Könnens zu
benennen." (FLITNER 1987,
149)
Das Gutachten der KMK-Expertenkommission (KMK
1995a) verweist auf eine "Trias" der Ziele der
gymnasialen Oberstufe: Allgemeinbildung,
Wissenschaftspropädeutik und Studierfähigkeit. Das
Ziel der Berufsorientierung ist hier zu ergänzen (s.
KELL 1995). Etwa ein Viertel der Schülerinnen und
Schüler durchläuft nach dem Abitur eine
Berufsausbildung, und auch die Studierenden gehen nach dem
Examen in eine Berufstätigkeit über.
Dennoch steht die Studierfähigkeit im Zentrum der
Debatte um die gymnasialen Oberstufe. Die KMK-Gutachter
weisen zwar nach, wie wenig faktisch abgesichert die
Defizitdiagnose einer mangelnden Studierfähigkeit ist,
sehen sich jedoch veranlaßt, als "vertrauensbildende
Maßnahmen" zur Stützung des Abiturs als
Hochschulzugangsberechtigung die sogenannten "basalen
Fähigkeiten" stärker zu sichern:
- muttersprachliche Fähigkeiten: einen Sachverhalt
mündlich und schriftlich klar darlegen können.
Einschränkungen bestehen im literatur- und
sprachwissenschaftlichen Bereich.
- Fremdsprachenkenntnisse (vorwiegend Englisch):
primär als: Vermögen englischsprachige
Sachtexte verständig lesen zu können;
sekundär als: Englisch sprechen und schreiben.
Fremdsprachliche Literaturkenntnisse oder landeskundliche
Anteile gehören nicht zum Basalen.
- mathematische Fähigkeiten: Rechentechnik und
elementare Funktionen, Wahrscheinlichkeitsrechnung und
Statistik; Umgang mit Quantifizierung und Modellbildung.
Nur von Vertretern mathematisch-naturwissenschaftlicher
Studiengänge wird die Forderung nach Differential-
und Integralrechnung erhoben. (nach HUBER
1994a, 17f.)
Eine durchgehende Belegungsverpflichtung für
Deutsch, Mathematik und erste Fremdsprache soll laut
KMK-Beschluß diese Fähigkeiten sichern.
Studierfähigkeit erschöpft sich jedoch keineswegs
in den obengenannten Bereichen, die in den Defizitdiagnosen,
z.B. der Hochschulrektorenkonferenz, hervorgehoben werden
und deren vorgeblich mangelndes Vorhandensein bei der Reform
der gymnasialen Oberstufe als Rechtfertigung der
Einführung obligatorischer Kernfächer diente.
Ebenso wichtig sind Entscheidungsfähigkeit, Ausdauer,
Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit, die unter
dem Begriff "Schlüsselqualifikationen"
zusammengefaßt werden und ursprünglich unter
berufsqualifizierenden Anforderungen beschrieben wurden.
These 5:
Wissenschaftspropädeutik
- Wissenschaftspropädeutik ist die Einsicht in
die Ziele, Verfahren und Ergebnisse wissenschaftlicher
Erkenntnisgewinnung einschließlich deren Grenzen.
Sie ist im Verbund der Fächer der gymnasialen
Oberstufe anzustreben und darf nicht mit der Vorbereitung
auf das Studium bestimmter Disziplinen gleichgesetzt
werden.
Wissenschaftspropädeutik ist zentrale Orientierung
allgemeiner Bildung in der gymnasialen Oberstufe, sie kann
jedoch ebensowenig wie "Studierfähigkeit" an die Stelle
allgemeiner Bildung treten. "Wissenschaftspropädeutik"
wird vielfach falsch verstanden und trivialisiert als
Einführung in das Studium einer wissenschaftlichen
Disziplin - bis hin zur Vorwegnahme von Inhalten der
akademischen Ausbildung. Eine wohlverstandene
Wissenschaftspropädeutik ist nicht Zielsetzung von
Einzelfächern, sie ist vielmehr gemeinsame Zielsetzung
der gymnasialen Oberstufe und auch nur im Verbund der
Fächer erreichbar. Wissenschaftspropädeutik setzt
eine Einführung in wissenschaftliche Methoden und
Verfahren voraus. Sie entfaltet sich jedoch erst anhand der
wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Reflexion des
Methodeninventars. Implizit verwendete Annahmen müssen
angesprochen werden, fachliche Grundbegriffe - sowohl im
Bezug zur jeweiligen Disziplin als auch in ihrer
darüber hinausweisenden Bedeutungen - müssen
geklärt werden.
Die Reflexion wissenschaftlichen Vorgehens führt zu
einer Verdeutlichung von Differenzen verschiedener
Sichtweisen, insbesondere wissenschaftlicher und
lebensweltlicher. Schülerinnen und Schüler
müssen diese Differenzen aushalten und die Bedeutungen
aushandeln lernen. Das Ziel "Wissenschaftspropädeutik"
erfordert einen Unterricht, "der die Grenzen des Faches zu
anderen Fächern und die der Wissenschaft zur Lebenswelt
überschreitet" (HUBER 1994a,
245).
Wissenschaftsorientierung bietet in diesem Verständnis
die Möglichkeit, andere didaktische Prinzipien als das
nach Lerner- und Handlungsorientierung zu ergänzen. Sie
stellt dann ein "Lösungspotential für
Lebensprobleme" (KLAFKI) bereit, was auch einer "subjektiven
Horizontbegrenzung" entgegenwirken kann. Sie ist also ein
Korrektiv für andere schülerbezogene
Sichtweisen.
These 6:
Allgemeinbildung durch Spezialisierung
- Allgemeinbildung nimmt ihren Ausgangspunkt bei
einer speziellen, fachlichen Sicht eines
Gegenstandsbereichs und entwickelt sich durch Reflexion
und Transzendierung der Fachperspektive.
HUBER (1994a) verweist auf das
"Paradox", daß Allgemeine Bildung nur durch
Spezialisierung und deren Transzendierung und Reflexion zu
haben sei. Neben der Einübung in die Grundlagen einer
Disziplin gehöre zur Wissenschaftspropädeutik eine
"Reflexion und Relativierung der disziplinären
Konstruktion von Realität". HUBER plädiert
keineswegs für ein Verharren in starren Fachgrenzen,
sondern sieht in der Spezialisierung den Ausgangspunkt
für eine umfassende Bildung. Dazu müsse neben dem
Fachunterricht eine wichtige Komponente
"fachübergreifenden Unterrichts" eingerichtet werden.
Die Besonderheiten der eigenen Fachperspektive können
erst erkannt - und so die jeweilige Wissenschaft im Sinne
von Allgemeiner Bildung selbst zum Erkenntnisgegenstand
werden (vgl. LAUTERBACH 1994,
84) -, wenn sowohl die Fachperspektive bis zu einem gewissen
Grad entwickelt und ausgeschärft ist als auch
Anlässe gegeben sind, diese Perspektive zu
überschreiten und in Frage zu stellen.
Im pädagogischen Kontext gehört es zur
Persönlichkeitsentwicklung der Lernenden,
Entscheidungen fachlicher Spezialisierungen bewußt zu
treffen sowie deren Konsequenzen zu erfahren und zu
verantworten. Grundlage einer fundierten Entscheidung ist
das Wissen um die Spezifika unterschiedlicher
Fachperspektiven einschließlich ihrer Erprobung in
sinnstiftenden Kontexten.
2. Fazit:
Beitrag der Naturwissenschaften zur
Wissenschaftspropädeutik
- Zur Vermittlung vertiefter allgemeiner Bildung
haben die naturwissenschaftlichen Fächer in der
gymnasialen Oberstufe in die wissenschafts- und
erkenntnistheoretischen Grundkategorien
naturwissenschaftlichen Denkens einzuführen. Dies
erfolgt an ausgewählten Phänomen- und
Theoriebereichen ihrer Bezugsdisziplinen.
Ein Verständnis von Wissenschaftspropädeutik als
Hinführung auf das Studium einer der drei
Bezugswissenschaften prägt den naturwissenschaftlichen
mehr als den Unterricht anderer Fächer. Ein Beleg ist
die enge inhaltliche Übereinstimmung zwischen dem
Fachkanon des Grundstudiums in Physik, Chemie und Biologie
mit den traditionellen Inhalten des gymnasialen Unterrichts.
Darin unterscheiden sich die Naturwissenschaften z.B. von
den Fremdsprachen und Deutsch. Die Folge ist eine
Überfrachtung mit vorweggenommenen Studieninhalten von
Leistungs- und Grundkursen (s. z.B. KMK
1995a, 168). Für die Physik wurde das im
bundesweiten Studieneingangstest schon Ende der siebziger
Jahre konstatiert (s. KRAUSE 1979). Bei der Reform des
naturwissenschaftlichen Unterrichts und der Lehrerausbildung
in der Schweiz wurde dieser Umstand selbstkritisch
formuliert:
"Der gymnasiale Unterricht darf nicht vorwegnehmen, was
der propädeutische Unterricht für ein spezielles
Fachstudium an der Hochschule in den ersten Semestern zu
leisten hat." (UNIVERSITÄT
BASEL 1989, 558)
Die fachspezifische Studierfähigkeit leidet nicht an
fehlenden Spezialkenntnissen, sondern an einem gesicherten
Grundbestand. Gleichzeitig mangelt es an der Reflexion der
naturwissenschaftlichen Erkenntniswege und damit an einem
wichtigen Beitrag der naturwissenschaftlichen Fächer
zur wissenschaftspropädeutischen Ausrichtung der
Oberstufe. Der Oberstufenunterricht sollte sich
gegenüber dem der Mittelstufe daher nicht allein in der
fachlichen Vertiefung unterscheiden, sondern besonders in
der Bewußtmachung der Besonderheiten der
naturwissenschaftlichen Methode. Natürlich kann das nur
an anspruchsvollen fachlichen Themen erfolgen. Eine
Spezialisierung im Fach ist Voraussetzung für dessen
Transzendierung und Reflexion. Andererseits ist letzteres
keine automatische Folge von Spezialisierung und muß
in der fachdidaktischen Anlage des Unterrichts stärker
berücksichtigt werden.
IV. Merkmale
naturwissenschaftlicher Bildung
Zieht man Aussagen der Fachdidaktiken heran oder nimmt
man auf grundlegende Zielformulierungen der Lehrpläne
bezug, dann stimmen die Merkmale der naturwissenschaftlichen
Bildung in hohem Maße mit den Begrifflichkeiten
überein, die bei den Zielen allgemeiner Bildung genannt
werden: Autonomie, Kommunikationsfähigkeit,
Handlungsfähigkeit, Verantwortungsfähigkeit sowie
Kooperationsfähigkeit (z.B.
TÖPFER 1976, 37f.). Zur Charakterisierung der
spezifischen Merkmale naturwissenschaftlicher Bildung
leistet das jedoch kaum einen Beitrag. Die Ziele finden
zudem einen zu geringen Niederschlag in den curricularen
Konkretisierungen der naturwissenschaftlichen
Unterrichtsfächer, deren Entwicklung vorrangig unter
fachsystematischen Gesichtspunkten erfolgt. Diese Diskrepanz
zwischen Präambeln und Inhaltsteilen von
Rahmenrichtlinien sowie deren unterrichtlicher Realisierung
ist jedoch kein Spezifikum naturwissenschaftlicher
Lehrpläne.
Im folgenden Teil werden die besonderen Kennzeichen
naturwissenschaftlicher Bildung in Bezug auf den
Erkenntnisgegenstand "Natur" und die besondere Ziele und
Formen seiner Erfassung beschrieben. Die Analyse geht von
einem fachdidaktisch reflektierten Unterricht in Physik,
Chemie und Biologie aus, der allerdings bezüglich einer
breiten Realisierung nicht immer den Ist-Zustand in den
Schulen trifft.
These 7:
Zugang zur natürlichen und technischen
Umwelt
- Naturwissenschaftliche Bildung bezieht ihr
Selbstverständnis aus der Betrachtung der
natürlichen und technischen Umwelt in ihrer
Beziehung zum Menschen. Naturwissenschaftliche Bildung
soll für einen verantwortungsbewußten
Gestaltungsprozeß qualifizieren.
Das Naturerleben und die Naturerfahrung sollen die Grundlage
für ein tieferes Naturverständnis abgeben
(GROPENGIEßER 1994).
Als Gegenstandsbereich des naturwissenschaftlichen
Unterrichts werden die "natürlichen Lebensbedingungen"
(LEHRPLAN BRANDENBURG,
23) benannt. In den curricularen Vorgaben von
Lehrplänen werden diese Bereiche inhaltlich insofern
konkretisiert, als daß die technologische Entwicklung,
die Nutzung der Erkenntnisse der Fachwissenschaften durch
Technik und Industrie sowie die "aktuellen Probleme der
Umweltgestaltung" (LEHRPLAN BRANDENBURG, 17) Gegenstand des
Unterrichts und Kristallisationspunkt
naturwissenschaftlicher Bildung sein sollen. Dabei wird die
Verknüpfung der technologischen Entwicklung und der
Entwicklung der Umweltgestaltung mit übergreifenden -
u.a. gesellschaftspolitischen - Fragestellungen einbezogen.
Die material definierte Zielsetzung des Unterrichts
erhält damit eine über den eigentlichen
naturwissenschaftlichen Inhaltsbereich hinausweisende
Komponente. Bei KREMER UND
STÄUDEL (1993, 381f.) wird versucht, diesen
fächerübergreifenden Aspekt systematischer
darzustellen. Es werden Unterrichtsinhalte der
Naturwissenschaften angesprochen, die von ihrer Intention an
die von KLAFKI formulierten Schlüsselprobleme
anknüpfen.
These 8:
Emanzipatorische Bedeutung der
Naturwissenschaften
- Bei der Einbeziehung der historischen Dimension
naturwissenschaftlichen Denkens wird der emanzipatorische
Gehalt der Naturwissenschaften für die Entwicklung
unserer Kultur und Gesellschaft deutlich.
Kulturhistorisch haben die Naturwissenschaften einen
entscheidenden Beitrag zur Befreiung des Denkens von der
unverstandenen und mythologisch gedeuteten Macht der
Naturgewalten und menschlichen Schicksale geleistet. Diese
Leistung tritt in der Wahrnehmung der Naturwissenschaften
heute gegenüber dem Spannungsfeld zwischen den
Segnungen und Gefahren der auf ihr beruhenden Technik
zurück. Die naturwissenschaftliche Denkweise zielt
jedoch nicht in allen Bereichen auf die technische
Beherrschung der Natur.
Die Bedeutung der Entwicklung der Naturwissenschaften
für die gesellschaftliche Entwicklung - nicht nur bei
der Entwicklung von Industrie und Technologie, sondern auch
für das Weltbild und das Denken unseres Kulturkreises -
wird von PUKIES zum Anlaß
genommen, die historische Genese der Naturwissenschaften zu
einem wichtigen Merkmal naturwissenschaftlicher Bildung zu
erheben. In PUKIES Unterrichtsvorschlägen wird die
Beschränkung auf rein fachliche Fragestellung
aufgehoben, ihre Genese wird thematisiert.
"Naturwissenschaft könnte im Verständnis der
Schüler wieder das werden, was sie im Prinzip und der
Sache nach ist: Möglichkeit des Fortschritts im
Bewußtsein der Freiheit, emanzipatorische Kraft der
gesellschaftlichen Entwicklung, realisierte Vernunft und
nicht Fortschritt als ein Fortschreiten von der Menschheit
weg, wie Brecht Galilei befürchten läßt."
(PUKIES 1979, 130)
PUKIES kann an Entwicklungen reformpädagogischer
Konzepte aus den zwanziger Jahren anschließen, die der
Naturerkenntnis und der Beschäftigung mit der
natürlichen und technischen Umwelt emanzipatorischen
Wert beigemessen haben.
Die Naturwissenschaften haben diesen Aspekt in der aktuellen
Diskussion um den Stellenwert von Fächern bzw.
Fächergruppen nicht genügend umgesetzt. Die
Aufnahme reformpädagogischer Konzepte erfolgt in der
heutigen Diskussion - anders als noch in den zwanziger
Jahren - ohne expliziten Bezug zu den Naturwissenschaften.
Es ist an der Zeit, den emanzipatorischen Gehalt des
naturwissenschaftlichen Unterrichts im Sinne
reformpädagogischer Traditionen wieder neu zu
beleben.
These 9:
Die Erkenntnismethode der Naturwissenschaften
- Die Erkenntnismethode des geplanten,
hypothesengeleiteten Beobachtens, Untersuchens und
Experimentierens ist das konstitutive Merkmal der
Naturwissenschaften. Diese spezifischen Methoden weisen
die Naturwissenschaften gegenüber anderen
Fächergruppen aus.
Die Methode der Beobachtung und Systematisierung, der
Planung und Ausführung von Experimenten sowie der
Erarbeitung von Theorien und Modellen wird in den
Lehrplänen der Bundesländer mit unterschiedlicher
Gewichtung betont. Durch diese Methoden werden spezifisch
naturwissenschaftliche Herangehensweisen an
Problemstellungen charakterisiert. Innerhalb des
naturwissenschaftlichen Methodenspektrums setzen die drei
Fächer Biologie, Chemie und Physik unterschiedliche
Schwerpunkte, die hier nicht einzeln ausdifferenziert werden
sollen.
Die Naturwissenschaften bieten die Möglichkeit, den
Umgang mit komplexen Systemen einzuüben und die
Methoden an komplexen Strukturen zu erproben. Das Erstellen
und Kontrollieren von Hypothesen erfordert wegen der starken
inneren Kohärenz der Theoriegebäude einen sicheren
Umgang mit den Methoden und stellt hohe kognitive
Ansprüche. Für die Physik formuliert JUNG:
"Man muß das Erreichte gegenüber
vielfältigen Einwänden und Bedenken, ob sie von
innen kommen oder von außen, festhalten, ausbauen,
konsistent machen, in Beziehung setzen zu anderen Elementen
einer schon akzeptierten Theorie, etc. etc." (JUNG
1983, 68f.)
Naturwissenschaften haben in diesem Bildungsprozeß
durch die ihnen eigene Methode der mathematischen und
experimentellen Hypothesenprüfung eine kompensatorische
Bedeutung gegenüber geisteswissenschaftlichen
Problemzugängen. Andererseits müssen
Schülerinnen und Schüler auch in Physik, Chemie
und Biologie Texte erschließen. Daher bedürfen
sie im Bereich der Methoden auch einer Ergänzung durch
andere Fächer in der Einübung in hermeneutische
Fähigkeiten. Erst dieses Wechselspiel sichert
wissenschaftspropädeutische Bildung im
fachübergreifenden Maßstab. Ohne die
naturwissenschaftliche Komponente wäre auch in den
Geistes- und Sozialwissenschaften keine Reflexion ihrer
fachspezifischen Methoden im Sinne eines bildenden
Unterrichts möglich.
These 10:
Naturwissenschaftliche Konzepte als grundlegende
Deutungsmuster
- Primäres Bildungsziel ist die Befähigung
der Lernenden zur Erschließung ihrer
natürlichen und technischen Umwelt in einer
naturwissenschaftlichen Perspektive (epistemisches
Wissen). Dabei wird nicht notwendigerweise Wissen
erworben, das für Alltagshandlungen unmittelbar
relevant ist.
Die instrumentelle Verwertbarkeit naturwissenschaftlicher
Erkenntnisse für das Handeln im Alltag der
Schülerinnen und Schüler kann unter dem
Gesichtspunkt allgemeiner Bildung nicht vorrangig den
Unterricht bestimmen. In diesem Zusammenhang wird die
Forderung nach einem direkten Bezug des Unterrichts zum
Alltag der Schülerinnen und Schüler kontrovers
diskutiert. In den Lehrplänen der Bundesländer
wird dieser Gedanke meist nur am Rande erwähnt.
Demgegenüber wird in einer breit angelegten
Delphi-Studie zur physikalischen Bildung (HÄUßLER
1988) ein Lebensweltbezug von allen befragten Experten
gefordert.
"Nach einem Konsens aller Delphiteilnehmer entsteht
physikalische Bildung nicht im Nachvollzug
innerdisziplinärer Strukturen der Wissenschaft Physik,
sondern in lebensweltlichen Kontexten." (HÄUßLER
1988, 46)
Ähnliche Positionen werden von HEDEWIG
(1992) für die Biologie vertreten. Demgegenüber
formuliert JUNG als zentrale Aufgabe des Physikunterrichts,
die "grundlegenden Deutungsmuster verfügbar zu machen"
(JUNG 1983, 58) und legt damit den
Schwerpunkt auf das epistemische Wissen. Jung verweist auf
die überdauernde Gültigkeit der Grundkonzepte
gegenüber der Vergänglichkeit alters- und
zeitspezifischer Themenstellungen. Eine solche Ausrichtung
erscheint eher geeignet, den Kriterien der allgemeinen
Bildung (s. These 1) gerecht zu
werden - ohne dabei den Wert des im Alltag
handlungsrelevanten Wissens zu verkennen.
Die Nähe zu lebenspraktischen Anwendungen ist bei den
naturwissenschaftlichen Disziplinen in unterschiedlichem
Maße erreichbar und bei den Fachcurricula in
unterschiedlichem Maße realisiert. Hier unterscheiden
sich z.B. die Physik und die Biologie, was man in den
Sichtweisen der Schülerinnen und Schüler
wiederfindet, die der Biologie eine größere
Bedeutung für Leben und Alltag zusprechen.
3. Fazit:
Naturwissenschaften als konstitutiver Teil des
Kanons
- Naturwissenschaftliches Denken gehört zu den
konstitutiven Bestandteilen unserer Kultur.
Naturwissenschaftliche Erkenntnismethoden und
Deutungsmuster ermöglichen eine rationale Weltsicht,
die zu den großen Menschheitsleistungen zählt.
Ohne diese Denkweise zumindest probeweise erfahren zu
haben, wäre auch eine reflektierte geistes- oder
sozialwissenschaftliche Spezialisierung nicht
möglich.
Die Naturwissenschaften sind ein gewichtiger Bestandteil
unserer kulturellen Tradition und prägen unser
gesellschaftliches Leben nicht nur hinsichtlich technischer
Prozesse, sondern auch hinsichtlich grundlegender
Denkstrukturen, z.B. des Kausalitätsprinzips und der
rationalen Erklärbarkeit von Naturphänomenen. Das
Verständnis der naturwissenschaftlichen Methode, die in
einer engen Verzahnung von (mathematischer) Theorie und
Empirie bei hoher innerer Kohärenz der Theorien
besteht, ist ein unverzichtbarer Beitrag zur
Wissenschaftspropädeutik.
Die Naturwissenschaften gehören daher zum Kanon,
über den im Rahmen allgemeiner Bildung Konsens besteht.
Der Begriff des Kanons soll im folgenden als "Lernbereich"
im Sinne von TENORTH aufgefaßt werden, der auch eine
Öffnung für den gesellschaftlichen Wandel
zuläßt (s.a. These 2).
"Als solche unerläßlichen 'Lernbereiche', als
Strukturen des Kanons, als Kerncurriculum, sind vier
Dimensionen im Konsens aufweisbar - das sprachliche,
historisch-gesellschaftliche, das
mathematisch-naturwissenschaftliche und das
ästhetisch-expressive Lernfeld". (TENORTH
1994, 174)
Innerhalb der grundlegenden Gemeinsamkeiten der
naturwissenschaftlichen Weltsicht, aus denen ihre Einordnung
in einen gemeinsamen Lernbereich resultiert, besteht
zwischen den naturwissenschaftlichen Disziplinen ein
Spektrum inhaltlich unterschiedlicher Deutungsmuster und
Analyseverfahren. Besonders bezüglich der Nutzung
mathematischer Werkzeuge bestehen deutliche Unterschiede.
Eine frühzeitige und dann einseitig durchgehaltene
Spezialisierung innerhalb der Naturwissenschaften ist daher
für den Aufbau naturwissenschaftlicher Weltsicht nicht
ratsam. So bedürfen z.B. physikalische und biologische
Perspektiven der gegenseitigen Ergänzung und
Abgrenzung. Die Naturwissenschaften sind nicht gegenseitig
substituierbar.
V. Aufgaben des
naturwissenschaftlichen Unterrichts im Kontext allgemeiner
Bildung
These 11:
Vermittlung und Kommunikation zwischen den
Fachkulturen
- Die Entwicklung der einzelnen wissenschaftlichen
Disziplinen hat zur Herausbildung unterschiedlicher
Kulturen von Fächern und Fächergruppen
geführt. Die Vermittlung und Kommunikation zwischen
den unterschiedlichen Kulturen ist für
gesellschaftliches Leben notwendig und daher Gegenstand
der allgemeinen Bildung.
Die von TENORTH in seiner Charakterisierung des
konsensfähigen Kanons benannten Lernbereiche (s. 2.
Fazit) stellen vier auf den Bereich von Schule bezogene
Kulturen dar, die sich in ihren Methoden, ihrem Habitus und
ihren Kommunikationsformen unterscheiden. Die Kenntnis
dieser Bereiche in ihrer Mehrdimensionalität muß
garantiert werden, um in der von Wissenschaft geprägten
Welt handlungsfähig zu bleiben. Es muß - anders
formuliert und den Begriff von HEYMANN
(1994) aufnehmend - die "Stiftung kultureller Kohärenz"
als Ziel von Unterricht angesehen werden. Für die
Naturwissenschaften heißt dies nicht nur in Anlehnung
an die 8. These, die Genese der Naturwissenschaften zum
Gegenstand zu nehmen, sondern die Kommunikation zwischen den
unterschiedlichen Lernbereichen zu ermöglichen und zwar
sowohl von der Naturwissenschaft zu anderen Bereichen als
auch von anderen Bereichen zur Naturwissenschaft.
Die Grundlagen der Naturwissenschaften und ihrer Methode
sind ein Bestandteil der Kultur. Ihre Kenntnis ist
notwendig, um an diesem wichtigen Teil des
gesellschaftlichen Lebens teilhaben zu können. Zur
Einübung der interkulturellen Kommunikation bedarf es
einer Unterrichtsorganisation, die sowohl von
innerfachlichen Zusammenhängen ausgeht als auch die
fachlichen Grenzen reflektiert und so die Kommunikation
zwischen Fachkulturen ermöglicht, d.h. es geht um einen
...
"... Unterricht, der die Fächerung des Wissens und
die Spezialisierung des Wissenden oder Lernenden schon
voraussetzt und die Differenzen der Fächer selbst
ebenso bewußtmacht, wie er das Zusammentreffen
unterschiedlich spezialisierter Lernender als
interkulturelle Kommunikation organisiert." (HUBER
1994b, 249)
Ohne die Debatteüber fachübergreifenden Unterricht
in ihrer ganzen Komplexität zu betrachten, ist ein
Unterricht notwendig, der auf der jeweiligen fachlichen
Sichtweise aufbaut, diese dabei reflektiert und mit anderen
fachlichen Sichtweisen abgleicht. Für den
naturwissenschaftlichen Unterricht hat die Forderung in zwei
Dimensionen Bedeutung:
- Im naturwissenschaftlichen Unterricht muß im
Rahmen der innerfachlichen Vermittlung der Übergang
zwischen der lebensweltlich geprägten Sicht der
Schülerinnen und Schüler und der
naturwissenschaftlichen Sicht vermittelt werden, und
- die interfachliche Kommunikation verschiedener
fachlicher Perspektiven muß gewährleistet
werden.
Bei der Vermittlung fachlicher Perspektiven handelt es
sich um einen reflexiven Prozeß. Die
Naturwissenschaften müssen über ihren fachlichen
Horizont hinausgehen, gleichzeitig bilden sie den
Hintergrund für die Transzendierung anderer fachlicher
Sichtweisen. Der Verweis auf eine Arbeitsteilung mit anderen
Fächern in dem Sinne, daß Fragen der Relevanz und
Auswirkungen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse im
Geschichts-, Sozialkunde oder Philosophieunterricht zu
behandeln seien, dient oft als Rechtfertigung für eine
Fixierung auf die innerfachlichen Aspekte. Diese Aufteilung
tut weder dem Biologie-, Chemie- oder Physikunterricht gut,
noch den genannten anderen Fächern, von denen einer
stärkere Berücksichtigung naturwissenschaftlicher
Sachstände zu fordern ist. Eine produktive
Arbeitsteilung gelingt nur in gut koordinierten gemeinsamen
Projekten. Allerdings müssen gleichfalls im Rahmen der
Kompetenzfrage Grenzen gezogen werden, die eine
Überfrachtung und Überforderung der
naturwissenschaftlichen Fächer verhindern.
Innerfachliche Kommunikationsprobleme entstehen bei den
Naturwissenschaften beim Übergang von lebensweltlichen
Phänomenbeschreibungen der Schülerinnen und
Schüler zur wissenschaftlichen Sichtweise. Die
Vermittlung zwischen diesen Bereichen ist sowohl Zielsetzung
von Unterricht als auch Problem des Lehr-Lern-Prozesses
selbst. Die Kommunikation dieser Grenze leitet zur
nächsten These über. In ihr wird die
gesellschaftliche Bedeutung der Stiftung kultureller
Kohärenz auf der Ebene des individuellen
Bildungsprozesses wieder aufgegriffen.
These 12:
Herausbildung des Selbst- und
Weltverständnisses
- Jeder junge Mensch muß für sich
klären, welche Bedeutung und welche Rolle er den
Naturwissenschaften bei der Herausbildung seines Selbst-
und Weltverständnisses zumessen will. Für diese
Entscheidung muß die Schule eine ausreichende
Grundlage sicherstellen.
Die Heranwachsenden müssen für sich selbst
darüber klarwerden, inwieweit sie
naturwissenschaftliches Wissen für ihr Denken und ihr
Weltbild heranziehen wollen. Vor einer Entscheidung, die
z.B. in der fachlichen Spezialisierung liegen kann,
müssen unterschiedliche fachliche (fachkulturelle)
Sichtweisen von den Schülerinnen und Schülern
erprobt werden.
In dieser These wird eine Forderung von KLAFKI
(1994, 55ff) an die Fachdidaktiken aufgegriffen, die
Handlungsfähigkeit der "jungen Menschen" in der
Gesellschaft zu gewährleisten. Gerade bei einer
Schwerpunktsetzung außerhalb der Naturwissenschaften
müssen Schülerinnen und Schüler vorher die
Möglichkeit haben, die naturwissenschaftliche
Perspektive bei der Lösung von Problemen
kennenzulernen, sie zu erproben und gegebenenfalls auch
individuell wieder zu verwerfen. Bei einer Spezialisierung
im Bereich der Naturwissenschaften ist wiederum die
Reflexion und Kommunikation der naturwissenschaftlichen
Fachkultur für den zukünftigen Experten notwendig.
Die mangelnde soziale Kompetenz angehender
naturwissenschaftlicher Experten wird in Untersuchungen
über die Sozialisation festgestellt. Von ihnen werden
"offene soziale Situationen vermieden". Für den
Unterricht wird deshalb gefordert:
"Es kommt deshalb gerade in den naturwissenschaftlichen
Fächern darauf an, die soziale Kompetenz der
Schüler zu fördern, sie zur Artikulation ihrer
Meinungen und Bedürfnisse, zur Auseinandersetzung mit
den Meinungen und Interessen ihrer Mitschüler zu
veranlassen." (REIß
1976, 162)
Die Aufrechterhaltung der Kommunikationsfähigkeit
zwischen den Fachgebieten muß in der Schule
eingeübt werden. In dieser Fragestellung ist bereits
die Kommunikation Experte - Laie enthalten. In der Aneignung
der naturwissenschaftlichen Weltsicht durch
Schülerinnen und Schüler liegt die
Möglichkeit, mit wichtigen Bereichen der
gesellschaftlichen Kultur zu kommunizieren; bei einer
eindimensionalen (ausschließlich
naturwissenschaftlichen) Weltsicht besteht die Gefahr des
Verlustes der Kommunikationsfähigkeit mit den
jeweiligen Nicht-Experten.
These 13:
Kommunikation zwischen Experten und Laien
- Das naturwissenschaftliche Fachwissen ist für
hochentwickelte Gesellschaften von tragender Bedeutung.
Es wird von spezialisierten Experten getragen und
fortentwickelt. Es ist Aufgabe allgemeiner Bildung, die
Heranwachsenden auf die Rolle des gesellschaftlich und
politisch handelnden Laien vorzubereiten, der zur
Kommunikation mit naturwissenschaftlichen Experten
fähig ist.
Im Interesse einer demokratischen Entwicklung muß das
naturwissenschaftliche Fachwissen hochtechnisierter
Gesellschaften kommunizierbar bleiben. Allgemeine Bildung
dient im Sinne der Bildungstheorie funktional der Sicherung
der gemeinsamen Kommunikation (TENORTH
1994, 82f.), die durch die Trennung von Laien und
Experten fraglich wird. Es geht um die kompetente
Wahrnehmung der Laienrolle (SCHÜTZ
1971). Der Gedanke der Kommunikation zwischen Laien und
Experten wird z.B. im Brandenburger Lehrplan als Zielsetzung
von Unterricht herausgestellt.
"Naturwissenschaftlich gebildete Schülerinnen und
Schüler sollten später auch ohne direkten Kontakt
zu Naturwissenschaften und Technik als politisch Handelnde
bei eigenen Entscheidungen die Wechselwirkungen von
Fachwissenschaft, Technik und Gesellschaft
berücksichtigen können." (LEHRPLAN
BRANDENBURG, 17)
Die Aufrechterhaltung der Kommunikation zwischen Experten
und Laien findet ihr Äquivalent in der Notwendigkeit
der interkulturellen Kommunikation, wobei der Schwerpunkt
mehr auf die Kommunikation zwischen Experten gelegt ist. In
einer hochspezialisierten Gesellschaft wechselt das
Individuum ständig zwischen der Laien- und der
Expertenrolle. In einem begrenzten Sachbereich ist man
Experte, in vielen anderen Laie gegenüber anderen
Experten. Die Laienrolle gegenüber
naturwissenschaftlichen Experten, die in weiten Bereichen
auch für Teilnehmer an naturwissenschaftlichen
Leistungskursen zutrifft, ist anders als etwa in politischen
oder wirtschaftlichen Zusammenhängen mit einem
Gefühl der Unterordnung verbunden.
Naturwissenschaftlicher Unterricht kann dem entgegenwirken,
wenn er die Schülerinnen und Schüler dazu
ermutigt, eigene Fragen zu stellen und zu vertreten sowie
intelligible Erklärungen einzufordern und ihnen
Gelegenheit gibt, anderen etwas verständlich zu
erklären. Zur Stiftung von Kommunikationsfähigkeit
zwischen Experten und Laien gehört es, daß beide
Seiten das Recht auf verständige Fragen auf Seiten der
Laien und die Bringeschuld verstehbarer Antworten auf Seiten
der Experten anerkennen. Wissenschaftstheoretische Reflexion
der besonderen Leistungen, aber auch der Grenzen
naturwissenschaftlicher Erkenntnisse trägt zur
Entmytholisierung der Naturwissenschaften ebenso bei wie die
zumindest exemplarische Erfahrung für Schülerinnen
und Schüler, naturwissenschaftliche Sachverhalte
wirklich verstanden zu haben.
4. Fazit:
Naturwissenschaftliche Weltsicht und Teilnahme am
gesellschaftlichen Diskurs
- Der Unterricht in Biologie, Chemie und Physik
ermöglicht es den Schülerinnen und
Schülern, die naturwissenschaftliche Perspektive zu
einem Teil ihres Selbst- und Weltverständnisses zu
entwickeln und in der Gesellschaft als Experten und Laien
über naturwissenschaftliche Sachverhalte zu
kommunizieren.
VI. Naturwissenschaftlicher
Unterricht und Studierfähigkeit
Das Abitur hat eine Schlüsselfunktion als
Hochschulzugangsberechtigung. Ein wichtiges - allerdings der
Aufgabe vertiefter allgemeiner Bildung unterzuordnendes -
Ziel der gymnasialen Oberstufe ist daher die Sicherung einer
allgemeinen Studierfähigkeit. In der öffentlichen
Diskussion wird dabei besonders der Teilaspekt der
sogenannten basalen Fähigkeiten (s. These 4)
hervorgehoben. Ein zweites Stichwort, das ursprünglich
aus der Berufspädagogik stammt, lautet
Schlüsselqualifikationen. Die Förderung basaler
Fähigkeiten ist für die Naturwissenschaften in der
Oberstufe zwar nicht von vorrangiger Bedeutung. Wenn diesen
Qualifikationen in der aktuellen Diskussion jedoch so hohe
Bedeutung zugemessen wird - während der
Wissenschaftspropädeutik vergleichsweise Interesse gilt
-, kann man gewichtige Beiträge der Naturwissenschaften
zur Förderung dieser Grundfähigkeiten ausweisen.
Damit wird ein Element der KMK-Richtungsentscheidung
(KMK 1995b) aufgegriffen, wonach
alle Fächer der gymnasialen Oberstufe bezüglich
der basalen Fähigkeiten in die Pflicht zu nehmen
sind.
These 14:
Naturwissenschaften und Sprachkompetenz
- Im naturwissenschaftlichen Unterricht werden
spezifische Aspekte des sprachlichen
Ausdrucksvermögens, die für das Studium vieler
Fachrichtungen bedeutsam sind, gefördert. In der
Bewußmachung von Differenzen zwischen
Alltagssprache und naturwissenschaftlicher Sprache wird
das Verständnis beider Sprachkulturen
weiterentwickelt.
Die Aufgabe der Förderung von (muttersprachlicher)
Sprachkompetenz wird man sicherlich in erster Linie den
sprachlichen Fächern, insbesondere dem Fach Deutsch
zuschreiben. Die Bedeutung von Sprache in den
Naturwissenschaften wird dagegen (auch von
Naturwissenschaftlern) oft unterschätzt (vgl. zum Fach
Chemie STORK 1995). Jedoch kommt
auch den naturwissenschaftlichen Fächern die
Entwicklung spezifischer Aspekte von Sprache zu. Dazu
gehört das Üben der Beschreibung komplexer
Sachverhalte, das Hin- und Herwechseln zwischen
formalisierter Fachsprache und der natürlichen Sprache
sowie die Erfahrung mit wissenschaftlichen Sprachbereichen,
welche über eine eigene, von der Umgangsprache stark
abweichende Syntax und Semantik verfügen.
In naturwissenschaftlichen Fächern wird die
detaillierte Beschreibung von Naturphänomenen sowie von
experimentellen Anordnungen und Abläufen eingeübt.
Dazu gehört z.B., daß die Konfiguration von
Versuchsgeräten mündlich oder schriftlich so
dargestellt wird, daß die Kommunikationspartner sich
eine Vorstellung von dem Versuchsaufbau machen können.
Dabei wird ein knapper Beschreibungsstil entwickelt, dessen
Schwerpunkte sich aus der Perspektive des jeweiligen Faches
ergeben.
Eine Besonderheit der naturwissenschaftlichen
Kommunikationsweise besteht im Wechselspiel zwischen stark
formalisierten Anteilen (mathematischer Formalismus,
chemische Reaktionsgleichungen, ...) und ausformulierten
Aussagen in der natürlichen Sprache. Die
Schülerinnen und Schüler erlernen im Unterricht
anhand dieses Wechsels die Übersetzung zwischen
verschiedener Ausdrucksformen oder Codes und tragen damit
zur Sicherung der Kommunikationsfähigkeit innerhalb der
Gesellschaft bei.
In den Naturwissenschaften lernen Schüler und
Schülerinnen Sprachbereiche kennen, in denen Begriffe
einen recht scharf umrissenen und von der Alltagssprache
abweichenden Bedeutungsspielraum besitzen. Über die
Sprache der Physik schreibt MITTELSTAEDT:
"Die Sprache der Physik ist eine präzisierte und
vollständig interpretierte Sprache, die einem
Begriffssystem entspricht. (...) Diese Sprache der Physik
ist zu unterscheiden von der nicht präzisierten und nur
unvollkommen gedeuteten Erläuterungssprache, in der
üblicherweise Lehrbücher abgefaßt sind. Zwar
sind die meisten Wörter aus der Umgangssprache oder
einer daraus entwickelten Bildungssprache entnommen, ihre
Bedeutung im Kontext der Physik ist aber durch
terminologische Fortsetzungen bestimmt, die nur sehr wenig
mit den Bedeutungen zu tun haben, die die betreffenden
Wörter innerhalb der zahlreichen
Verwendungsmöglichkeiten einer natürlichen Sprache
besitzen." (MITTELSTAEDT
1972, 84)
MITTELSTAEDT beschreibt in diesem Zitat einen esotherisch
anmutenden Typus naturwissenschaftlicher Sprache, der kaum
in Lehrbüchern und erst recht nicht in Gesprächen
unter Wissenschaftlern tatsächlich realisiert wird.
Jedoch ist damit ein Ideal aufgezeigt, an dem sich
naturwissenschaftliche Sprachkultur innerhalb der
Muttersprache orientiert: Bedeutung und Gebrauch von
Wörtern sollen streng geregelt werden. Dies sollte
immer wieder zum Anlaß genommen werden, im Unterricht
Unterschiede von naturwissenschaftlicher Sprache und
Alltagssprache zu verdeutlichen. Bei der Einführung
neuer Wörter zur Bezeichnung naturwissenschaftlicher
Phänomene, Größen etc. sollte deren
Bedeutung in der Alltagssprache und ihr Gebrauch im Kontext
der Naturwissenschaften gegenübergestellt werden.
These 15:
Naturwissenschaften und basale mathematische
Fähigkeiten
- Die Bildung mathematischer Modelle gehört zum
unverzichtbaren Methodenrepertoire der
Naturwissenschaften. Im konkreten Vollzug der
Modellierung werden basale mathematische Fähigkeiten
aufgegriffen und an Anwendungsbeispielen
vertieft.
Die Zuständigkeit für die mathematischen Anteile
der allgemeinen Studierfähigkeit wird man zunächst
dem Fach Mathematik zuordnen. Der derzeitige
Mathematikunterricht der Oberstufe mit seinem Schwerpunkt
auf der Differential- und der Integralrechnung - im Sinne
eines mathematischen Kalküls - ist jedoch zur
Förderung basaler mathematischer Fähigkeiten wenig
geeignet. In einer Stellungnahme zur Diskussion in der
Kultusministerkonferenz über die Weiterentwicklung der
gymnasialen Oberstufe schreibt FLITNER:
"Die heutige Oberstufenmathematik ist sehr anspruchsvoll,
aber keineswegs an den allgemeinen Bildungsbedürfnissen
orientiert. (...) Es ist keineswegs erwiesen und
begründbar, daß diese Mathematik die
Voraussetzung für alle akademischen Berufe bilden
müsse." (FLITNER
1995)
Bei der Mathematisierung naturwissenschaftlicher
Sachverhalte werden dagegen auch in der Oberstufe elementare
mathematische Werkzeuge verwendet. Der Unterricht
erfüllt so das Kriterium der Förderung basaler
mathematischer Fähigkeiten wie sie in These 4
ausgewiesen sind. So wird der Funktionsbegriff in allen
naturwissenschaftlichen Fächern mit konkret erfahrbaren
Bezügen gefüllt. (Die Lösbarkeit chemischer
Verbindungen ist als Funktion der Temperatur darstellbar;
die Länge einer Spiralfeder ist eine Funktion der auf
sie einwirkenden Kraft usw.) Die Grundlagen der Statistik
gehören im Zusammenhang mit der Auswertung von im
Unterricht aufgenommenen Meßreihen zum Inhalt der
Fächer.
Im naturwissenschaftlichen Unterricht bietet sich
insbesondere die Chance, den Prozeß der mathematischen
Modellbildung anhand der Formalisierung physikalischer,
biologischer oder chemischer Sachverhalte zu vertiefen und
zu üben. Für Schüler und Schülerinnen
mit einer Abneigung gegen abstrakte Mathematik ergeben sich
zusätzliche Zugänge: Quantifizierung und
Modellierung konkreter Vorgänge stehen im Vordergrund.
Anders als im Mathematikunterricht sind die inhaltlichen
Komponenten der mathematischen Modellbildung keine
austauschbaren Illustrationen mathematischer Kalküle,
sondern sie tragen im Kontext der naturwissenschaftlichen
Fragestellung eine konkrete Bedeutung, wenn z.B.
Populationsdynamiken in der Biologie über
Änderungsraten und Exponentialfunktionen
angenähert oder unter Zuhilfenahme statistischer
Methoden analysiert werden. Insbesondere im Fach Physik
spielen mathematische Formulierungen eine zentrale Rolle.
Dabei steht häufig die Genese mathematischer Modelle im
Vordergrund. Schüler und Schülerinnen lernen dabei
etwas über das Verhältnis der wahrgenommenen bzw.
vermessenen Wirklichkeit auf der einen und das mathematische
Modell auf der anderen Seite.
These 16:
Entwicklung von Schlüsselqualifikationen
Naturwissenschaftlicher Unterricht ist
besonders geeignet, die Entwicklung von
Schlüsselqualifikationen zu fördern. Das gilt
in spezifischer Weise für didaktisch reflektierte
Formen experimenteller Eigentätigkeit der
Schülerinnen und Schüler in offenen
Lernumgebungen.
Die Förderung von "Schlüsselqualifikationen" -
einem Konzept, das ursprünglich aus der
Berufspädagogik stammt - wird zunehmend zur Aufgabe
Allgemeiner Bildung gezählt (s. z.B. KELL
1995). Auch wenn ihre Beschreibungen und die Umsetzung
in konkretes pädagogisches Handeln oft noch vage
bleiben (vgl. DIDI 1993, 5), werden Fähigkeiten wie
Kommunikationsfähigkeit, Kooperationsfähigkeit,
vernetztes Denken oder Problemlösefähigkeit im
Kontext von Studierfähigkeit hervorgehoben.
"Schlüsselqualifikationen, wie sie die Grundlage der
neugeordneten Berufe bilden, sind geeignet,
Studierfähigkeit zu begünstigen; sind sind
für alle Bildungsgänge von entscheidender
Bedeutung." (KMK 1994, 141)
Zu den scheinbaren Paradoxa des Erwerbs von
Schlüsselqualifikationen gehört, daß
themenübergreifende Fähigkeiten im Kontext
themenspezifischer Fragestellungen erworben werden
müssen (vgl. WEINERT 1994). Die experimentelle Methode
ermöglicht es dem naturwissenschaftlichen Unterricht in
besonderer Weise, zur Entwicklung der
Schlüsselqualifikationen beizutragen. Didaktisch und
methodisch reflektierte Formen von Schülerexperimente
sind Anforderungssituationen, in denen die
Schlüsselqualifikationen idealtypisch entwickelt werden
können. Voraussetzung dafür ist, daß nicht
nur der konventionelle Kern von Experimenten - Messen und
Auswerten - berücksichtigt wird, sondern eine
projektartige Öffnung und Erweiterung des
Arbeitsprozesses erfolgt. Komplexere, mehrdimensionale
Lehr-Lernarrangements sind untrennbar mit der Herausbildung
von Schlüsselqualifikationen verbunden (vgl.
KMK 1994, 141). Zum Arrangement von
Schülerexperimenten gehört daher die
eigenständige Abgrenzung und Bearbeitung eines
Untersuchungsziels durch die Schülerinnen und
Schüler ebenso wie die Präsentation ihrer
Vorgehensweise und Ergebnisse vor der Lerngruppe, aber auch
vor Nicht-Experten, z.B. im Rahmen einer Ausstellung
für die Schulöffentlichkeit.
5. Fazit:
- Die Entwicklung und Festigung von Sprachkompetenz,
basalen mathematischen Fähigkeiten und
Schlüsselqualifikationen als Teil der
Studierfähigkeit wird durch den
naturwissenschaftlichen Unterricht gefördert. Das
Potential des naturwissenschaftlichen Unterrichts
ergänzt in vielen Fällen den Unterricht der
obligatorischen Fächer (Deutsch, Fremdsprache,
Mathematik). Durch seine spezifischen Inhalte und
Methoden geht der Unterricht in den Naturwissenschaften
aber auch über das durch diese Fächer Leistbare
hinaus.
VII. Folgerungen für die
Verbesserung naturwissenschaftlicher Bildung und die
Sicherung der naturwissenschaftlichen
Unterrichtsfächer
Vor dem Hintergrund der Erörterungen in den Teilen II
bis VI werden Folgerungen für die Stellung der
naturwissenschaftlichen Fächer im schulischen
Fächerkanon gezogen und Perspektiven einer darauf
abgestimmten Entwicklung von Unterrichtskonzeptionen
aufgezeigt. Es ist bewußt von Folgerungen und weniger
von Forderungen im bildungspolitischen Sinne die Rede, etwa
nach bestimmten Belegungsverpflichtungen in der Oberstufe.
Angesichts der manifesten Probleme, die Forderungen der
Fachverbände auf der bildungspolitischen Ebene
durchzusetzen, ist es um so wichtiger, durch eine innere
Revision der Fächer unter Berücksichtigung der
Kriterien allgemeiner Bildung das bildende Potential der
naturwissenschaftlichen Fächer verstärkt
auszuschöpfen und nicht zuletzt auf seiten der
Schülerinnen und Schüler die Attraktivität zu
steigern, d.h. letztlich die Teilnahme am Unterricht zu
sichern, die besonders in den Fächern Chemie und Physik
gefährdet ist.
1. Folgerung:
Einnahme fachüberschreitender
Perspektiven
- Die Naturwissenschaften müssen in ihrem
Beitrag zur allgemeinen Bildung über
fachwissenschaftliche Unterweisungen deutlich
hinausgehen. In der Reflexion ihrer Inhalte und Methoden
wird der Bildungswert der Naturwissenschaften
einlösbar.
Wie bereits in den Thesen 1 und
2 sowie im 1. Fazit festgestellt,
läßt sich, bildungstheoretisch gesehen,
allgemeine Bildung nicht mit Hilfe einer Festschreibung
bestimmter obligatorischer Inhalte definieren - obwohl
allgemeine Bildung andererseits nur anhand von Inhalten
vermittelt und entwickelt werden kann. Für die
Naturwissenschaften gilt das ebenso wie für die anderen
Fächer oder Lernbereiche des Kanons. Konsensfähig
als Zielsetzung allgemeiner Bildung ist die Notwendigkeit
der Sicherstellung von Kommunikationsfähigkeit zwischen
Fachkulturen und zwischen Experten und Laien in der
Gesellschaft. Um sich in die naturwissenschaftliche
Fachkultur einzufinden, sind grundlegende Kenntnisse
naturwissenschaftlicher Methoden und Ergebnisse notwendig.
Die dafür geeigneten naturwissenschaftlichen
Themenstellungen sind nicht allein aus der Sachstruktur der
Bezugswissenschaften abzuleiten. Sie müssen auch unter
den Gesichtspunkten der kulturellen Leistungen der
Naturwissenschaften und solcher gesellschaftlich aktuellen
Probleme ausgewählt werden, die vor dem Hintergrund der
Lebenswelt der Schüler sinnstiftend sind.
Die Notwendigkeit der Öffnung des Unterrichts für
übergreifende Fragestellung, d.h. für eine das
Fachwissen transzendierende Unterweisung, wird sowohl in den
Naturwissenschaftsdidaktiken als auch in der allgemeinen
Didaktik gesehen. JUNG fordert stellvertretend am Beispiel
der Physik:
"Der Unterricht in Physik muß immer auch Unterricht
über Physik sein. Das liegt im Interesse der Physik
selbst, es liegt im Interesse der Heranwachsenden, und es
entspricht dem Sozialisationszweck." (JUNG
1983, 42; unsere Hervorhebungen)
Aus der Debatte um die allgemeine Bildung werden die
notwendigen Veränderungen genauer gefaßt.
Für die gymnasiale Oberstufe ist der Begriff der
Wissenschaftspropädeutik für die Gestaltung von
Unterricht zentral. Die Einübung wissenschaftlicher
Methoden und Verfahren ist im Sinne der
wissenschaftspropädeutischen Ausrichtung kein
Selbstzweck, sondern notwendige Voraussetzung für die
Reflexion über wissenschaftliche Verfahren selbst. Die
Reflexion wissenschaftlichen Vorgehens verdeutlicht die
Differenzen wissenschaftlicher und lebensweltlicher
Sichtweisen. Der naturwissenschaftliche Unterricht muß
in der Gegenüberstellung zweier möglicher
Sichtweisen den Grenzgang zwischen alltagsnahen und
wissenschaftlichen Vorstellungen thematisieren.
Die Naturwissenschaften müssen bei der Einführung
in die naturwissenschaftliche Fachkultur ein stärkeres
Eigenverständnis als Lernbereich entfalten und
dürfen sich nicht zu eng an das Partnerfach Mathematik
im Aufgabenfeld III binden. (Im Aufgabenfeld I wird an eine
analoge Aufteilung in einen sprachlichen und einen
ästhetisch-künstlerischen Bereich gedacht.) Die
erkenntnistheoretische Differenz zwischen Mathematik und
Naturwissenschaften wird oft übersehen, da
mathematische Verfahren und naturwissenschaftliche
Erkenntnisse bei schulrelevanten Themen häufig
gemeinsame historische Ursprünge haben. Die
Unterschiede zwischen Mathematik und den Naturwissenschaften
bezüglich ihrer Erkenntnisziele und -gegenstände
sowie den Gültigkeitskriterien von Aussagen geraten
darüber aus dem Blick.
2. Folgerung:
Organisation fachgebundenen und fachüberschreitenden
Lernens
- Die Fachlichkeit des Unterrichts
gewährleistet anspruchsvolles Lernen
naturwissenschaftlicher Sachverhalte. Sie ist
Voraussetzung fachüberschreitenden Lernens. In
beiden Sekundarstufen sind ergänzende
Organisationsformen zu entwickeln, welche die
Kontinuität des Unterrichts und die
Mehrperspektivität naturwissenschaftlicher
Zugänge sichern.
Trotz der in Teil IV herausgearbeiteten
gemeinsamen Merkmale der Naturwissenschaften ist
unterrichtsorganisatorisch am Grundsatz der Fachlichkeit
festzuhalten. Fachüberschreitung setzt eine entwickelte
fachliche Perspektive voraus. Das gilt wegen der zunehmenden
Komplexität der behandelten Themen für die
Oberstufe in noch stärkerem Maße als für die
Mittelstufe.
"Zur systematischen Struktur
wissenschaftspropädeutischen Lernens auf dem Niveau
vertiefter Allgemeinbildung gehört beides, die
Disziplinierung des Denkens durch das Fach und die reflexive
Vergewisserung über die Grenzen, die solches Denken
kognitiv wie sozial und inviduell mit sich führt."
(KMK 1995a, 118f.)
Eine Integration der drei naturwissenschaftlichen
Fächer als durchgehendes Organisationsprinzip des
Unterrichts wäre für die Transzendenz
fachwissenschaftlicher Perspektiven eher hinderlich.
Bildende Behandlungen physikalischer, biologischer oder
chemischer Sachverhalte bedürfen häufig gerade der
Einbeziehung historischer, politischer, ökonomischer
oder philosophischer Aspekte. Eine äußere
Fachintegration der drei Naturwissenschaften täuscht
eine unterrichtsorganisatorische Lösbarkeit der Aufgabe
der Fachüberschreitung vor. Sie liefert nur eine
formale Scheinlösung des Problems fachzentrierten
Unterrichtens und lenkt von den notwendigen inhaltlichen
Veränderungen jedes einzelnen Faches ab.
Von entscheidender Bedeutung ist die Durchgängigkeit
des Unterrichts in den drei Naturwissenschaften in der
Sekundarstufe I. Die Lernenden können sonst auf der
Oberstufe keine begründeten Entscheidungen über
Spezialisierungen treffen. Das gilt um so mehr, wenn diese
Entscheidung am Beginn von Klassenstufe 11 fällt.
Sinnvoll erscheint eine Unterrichtsorganisation, die von
integrierter Unterweisung in den Klassenstufen 5 und 6
ausgehend zu einer Differenzierung in die Fächer im
zweiten Teil der Sekundarstufe I führt. Die Wahrnehmung
der Bedeutung der Naturwissenschaften - zumindest des
naturwissenschaftlichen Unterrichts - in der Sicht der
Schülerinnen und Schüler leidet, wenn der
Unterricht - anders als in Deutsch, Englisch oder Mathematik
- mit jahrweisen Unterbrechungen erteilt wird. Durch solche
Lücken wird die subjektive Erfahrung kontinuierlichen
fachlichen Kompetenzzuwachses bei den Lernenden empfindlich
gestört. Das wiederum wirkt sich negativ bei der
Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit in
diesen Fächern aus und beeinträchtigt die Wahlen
naturwissenschaftlicher Kurse in der Oberstufe. Zur
Überbrückung solcher Lücken müssen,
solange die Anteile der Naturwissenschaften an den
Stundentafeln nicht gesteigert werden können,
Unterrichtsmodelle entwickelt werden, die durch den
zeitweisen Verbund von Fächern die Kontinuität
insgesamt wahren.
In der Oberstufe ist durch flankierende Maßnahmen
sicherzustellen, daß die Schülerinnen und
Schüler mehr als nur eine fachspezifische
naturwissenschaftliche Perspektive kennenlernen. Eine
Belegungsverpflichtung für zwei Natutwissenschaften ist
zur Zeit bildungspolitisch nicht durchsetzbar. Sie ergibt
sich auch nicht zwingend aus der erziehungwissenschaftlichen
Allgemeinbildungsdebatte - ebensowenig wie die Forderung
nach zwei Fremdsprachen. In dieser Situation ist über
alternative Wege nachzudenken.
HUBER (1995, 168) nennt als eine Alternative den
fächerergänzenden Unterricht. Dieser könnte
parallel zum Fachunterricht an interdisziplinären
Sachthemen wie "Klimakatastrophe" oder "Energieproblematik"
ausgerichtet und z.B. in Zweiersequenzen organisiert sein.
Wenn in solchen Kursen Schülerinnen und Schüler
mit unterschiedlichen fachlichen Spezialisierungen
zusammenkommen und ihre jeweiligen Vorkenntnisse einbringen,
sind gute Voraussetzungen für die Übung der
Kommunikation zwischen Experten bzw. zwischen Experten und
Laien gegeben. Ein solches Konzept paßt in die
Richtungsentscheidung der KMK zur Weiterentwicklung der
gymnasialen Oberstufe, nach der
fächerübergreifende Kursangebote eingerichtet und
mit Belegungsverpflichtungen versehen werden können
(s. KMK 1995b, Punkt 5, s.a. Punkt
7). Fächerübergreifende oder
fächerverbindende Lernleistungen können
gleichgewichtig zu den vier Prüfungsfächern in die
Gesamtpunktzahl des Abiturs eingebracht werden. Dieser neue
fächerübergreifende Bereich sieht auch eine
Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Aufgabenfeldern und
Fächern vor. Um die Mehrdimensionalität der
Perspektiven und die Vielfältigkeit des dafaür
erforderlichen Angebots zu gewährleisten, müssen
die die Aufgabenfelder durch mehrere Fächer vertreten
sein.
3. Folgerung:
Präsenz der Naturwissenschaften in der
Schule
- Biologie, Chemie und Physik müssen
langfristig im Kursangebot jeder gymnasialen Oberstufe
gesichert bleiben, um kulturelle Kontinuität nicht
nur gesellschaftlich, sondern auch auf die Einzelschule
bezogen zu gewährleisten.
Ebenso wie unsere gesellschaftlich-kulturelle Entwicklung
auf allen drei Naturwissenschaften beruht, gehört zu
einer ausgewogenen Schulkultur, daß Biologie, Chemie
und Physik vertreten sind. In der Oberstufe muß
unabhängig davon, wie viele Naturwissenschaften in
einem speziellen Jahrgang mit Grund- und Leistungskursen
vertreten sind, die langfristige Präsenz aller drei
Fächer gesichert werden. Dies ist ein wichtige
Voraussetzung für die Stiftung kultureller
Kohärenz (s. Thesen 2 und
8) und für eine
Persönlichkeitsentwicklung unter Ausbildung
naturwissenschaftlichen Weltverständnisses (s. Thesen
1 und 12).
Aber nicht nur für das Individuum ist die prinzipielle
Belegbarkeit aller drei Naturwissenschaften wichtig. Es kann
nicht hingenommen werden, wenn an einer Schule bestimmte
Angebote dauerhaft wegfallen. Auch die Einzelschule ist auf
die Verfügbarkeit biologischer, chemischer und
physikalischer Expertisen angewiesen, wenn ernsthaft
fachübergreifend gearbeitet oder ein Projektunterricht
zu aktuellen gesellschaftlichen Problemen gestaltet werden
soll. Diese Verfügbarkeit kann nicht allein über
Personen langfristig gesichert werden, sondern nur über
die wiederkehrende Präsenz der Fächer im
Lernangebot der Schule. Die Einrichtung kleiner Kurse ist
durch ergänzende Lehrerzuweisungen zu stützen. Um
in einer Schule die Standards auch dieser Fächer zu
sichern, ist es notwendig, daß in nennenswertem Umfang
Abiturprüfungen durchgeführt werden. Auf die
Funktion des Abiturs bei der Evaluation und
Standardsicherung des vorausgehenden Unterrichts hat die
KMK-Expertenkommission ausdrücklich
hingewiesen (KMK 1995a, 148).
VIII.
Schlußbemerkung
Das vorliegende Grundlagenpapier ist primär auf die
erziehungswissenschaftliche und nur mittelbar auf die
aktuelle bildungspolitische Debatte bezogen. In den
Folgerungen unter Punkt VII wurden daher die aus den
Aufrufen des Fördervereins MNU und anderer
Fachverbände bekannten Forderungen nach bestimmten
Anteilen an den Stundentafeln und Belegungsverpflichtungen
nicht hervorgehoben, obwohl es dafür besonders aufgrund
ökonomischer Überlegungen gute Gründe gibt
(Stichwort "Sicherung des Hochtechnologie-Standorts
Deutschland"). Wie in Abschnitt I ausgeführt wurde, ist
die Präsenz in der erziehungswissenschaftlichen
Diskussion aber eine der Voraussetzung dafür, daß
die Anliegen der naturwissenschaftlichen Fächer auch
bei Entscheidungen über die Weiterentwicklung von
Schule genügend Berücksichtigung finden.
In diesem Sinne ist das Grundsatzpapier als Komplement zu
solchen Aufrufen zu betrachten, die sich unmittelbar an die
Öffentlichkeit oder an bildungspolitische
Entscheidungsträger wenden. Es hat seinen Zweck
erfüllt, wenn innerhalb der Fachverbände und der
Fachdidaktiken Aspekte der Allgemeinbildungsdebatte bei der
konzeptionellen Fortentwicklung des Unterrichts in den
naturwissenschaftlichen Fächern stärker,
gegebenenfalls auch kontrovers, diskutiert werden.
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